Stadtrat Daniel Bahrmann

Stadtrat für die SPD in Meißen

Adventsgeschichten

Das Leuchten im Wald

Eine Adventsgeschichte aus dem Erzgebirge

Der Schnee fiel schon den ganzen Tag, lautlos und stetig, als wäre die Welt in einen leuchtenden Traum gehüllt. Ich war allein auf dem Weg durch den Wald oberhalb des Dorfes, wo die Fichten dicht beisammen standen, hoch und schwarzgrün wie stille Wächter. Kein Laut war zu hören, außer dem gelegentlichen Knacken eines Astes unter der schweren, weißen Last.

Ich weiß nicht mehr, warum ich an jenem Abend noch hinausgegangen war. Vielleicht, um dem einsamen Schweigen des Hauses zu entkommen, vielleicht, um etwas zu suchen, das ich längst verloren glaubte — eine Erinnerung, einen Sinn, einen stillen Trost. Weihnachten stand vor der Tür, und doch fühlte sich alles leer an.

Der Weg führte leicht bergauf, zwischen verschneiten Stämmen hindurch, deren Schatten sich im fahlen Mondlicht ineinander verfingen. Meine Schritte hinterließen eine schmale Spur im unberührten Schnee. Über mir rauschte der Wind leise in den Wipfeln, aber sonst war alles still – so still, dass ich glaubte, mein eigenes Herz im Klang der Stille zu hören.

Dann sah ich es.

Weit hinten zwischen den Stämmen erschien ein zartes Licht. Kein kaltes, weißes Licht wie das der Stadtlaternen unten im Tal, sondern warm und golden, wie von einer wärmenden Kerze. Es flackerte nicht, und doch pulsierte es leicht, als atme es.

Ich blieb stehen, sah genauer hin. Das Licht bewegte sich nicht, doch von ihm aus schien der Schnee drumherum einen zarten Schimmer anzunehmen, als hätte jemand Goldstaub über den Boden gestreut.

Ein Gefühl aus Neugier und Unruhe überkam mich. Ich wusste nicht, ob ich mich nähern oder umkehren sollte. Aber irgendetwas zog mich an, ganz leise und doch unwiderstehlich. Vielleicht war es nur ein tief in mir sitzende Sehnsucht oder etwas, das jenseits davon wohnte.

Also ging ich weiter. Und je näher ich kam, desto wärmer erschien mir die Luft, obwohl die Kälte noch immer an meinen Handschuhen nagte. Ein süßer, harziger Duft hing in der Luft, vermischt mit einem Hauch von Bienenwachs und Rauch – als würde irgendwo eine kleine Flamme brennen.

Nach einigen Minuten hörte ich das Knirschen von Schnee, nicht von meinen eigenen Schritten, sondern von anderen – leisen, vorsichtigen. Ich blieb stehen. Im fahlen Licht huschte eine Gestalt zwischen zwei Bäumen vorbei. Zu schnell, um sie zu erkennen, aber sie war klein, zierlich, umgeben von einem Schimmer, der fast durchsichtig war.

Ein Wispern folgte, kaum lauter als der Schnee:
„Warum kommst du? Die Nacht ist lang, und die Pfade sind alt.“

Ich wollte antworten, doch meine Stimme wollte nicht über die Lippen. Stattdessen nickte ich langsam.

„Ich suche nur das Licht“, flüsterte ich schließlich.

Da lachte das Wispern leise, freundlich und fern zugleich. „Das Licht sucht dich schon lange.“

Ich sah wieder hin, aber die Gestalt war verschwunden. Nur ein kleiner Abdruck von winzigen Füßen führte ins Dickicht, und von dort aus schien der goldene Schimmer stärker zu leuchten.

Ich folgte weiter, tiefer in den Wald hinein. Die Bäume wurden dichter, der Boden uneben. Zweige strichen über meine Schultern, Schnee rieselte mir in den Nacken. Irgendwo klang ein dumpfes Klopfen, als würde in der Tiefe einer Bergader jemand Hammer und Meißel führen. Ein Klang, der mich an meinen Großvater erinnerte – er war Steiger im alten Zinnbergwerk unter Annaberg gewesen. Zu Weihnachten hatte er mir immer Geschichten von den Berggeistern erzählt, die über den Stollen wachten, und von den Engeln, die das Licht in der Finsternis bewahrten.

Dann, wie aus diesen Geschichten heraus, sah ich zwischen den Stämmen eine zweite Gestalt. Ein Mann, gebeugt, mit rußigem Gesicht, in alter Bergmannskluft. Eine Grubenlampe hing an seiner Hand, schwach leuchtend wie ein Stern.

Er sah mich nicht, arbeitete still an etwas Unsichtbarem. Als ich näherkam, hob er den Kopf. Seine Augen schimmerten wie Kohle in der Dunkelheit.

„Verirr dich nicht, Menschenseel’,“ sagte er mit einer Stimme, die klang wie hallendes Gestein. „Der Berg nimmt, was nicht stärker leuchtet als sein Herz.“

Ich wollte fragen, wer er sei, doch er nickte nur und deutete nach vorn, dorthin, wo das goldene Licht jetzt heller und reiner leuchtete.

Ich ging weiter – und der Wald begann sich zu verändern. Der Schnee glitzerte nicht mehr weiß, sondern in leichten, bernsteinfarbenen Schattierungen. Es war, als läge ein Schleier über allem, der die Zeit selbst verlangsamt hatte. Ich spürte meinen Atem kaum noch.

Dann trat ich auf eine kleine Lichtung.

In ihrer Mitte stand eine Hütte, halb im Schnee versunken, das Dach schief, das Holz vom Frost grau gebleicht. Doch durch das vereiste Fenster drang jenes goldene Leuchten, das nun weich und lebendig flackerte.

Ich drückte vorsichtig die Tür auf – sie knarrte, doch der Klang hallte, als breche sie eine Stille, die Jahrhunderte alt war. Eine Kerze brannte auf einem groben Tisch, daneben stand ein Teller mit Brot und Speck, als wäre jemand nur kurz hinausgegangen. Über dem Tisch hing ein geschnitzter Engel aus Lindenholz, alt, aber liebevoll gearbeitet.

Ich setzte mich, ohne zu wissen, warum. Und während ich dort saß, begann die Erinnerung aufzusteigen – wie Nebel aus der Tiefe eines Brunnens.

Ein Weihnachtsabend, viele Jahre her. Schnee vorm Haus, Kinderlachen, der Klang einer alten Glocke. Und sie – meine kleine Schwester – mit glänzenden Augen vor der Kerze, die sie gerade selbst angezündet hatte. Sie war damals krank gewesen, zu schwach, um hinauszugehen. Doch sie hatte gelacht, als sie meinen selbstgeschnitzten Engel sah, den ich heimlich aus einem Stück Lindenholz gefertigt hatte.

Am nächsten Jahr war sie nicht mehr da.

Ich schlug die Hände vors Gesicht. All die Jahre hatte ich das Licht gemieden, alle Feste, jedes Kerzenflackern. Es erinnerte zu sehr.

„Du hast das Leuchten vergraben“, sagte eine Stimme sanft. Ich blickte auf – da stand sie, nicht wie ich sie kannte, sondern in hellem Licht, durchscheinend, wie aus Schneestaub und Sonnenstrahlen gebaut. Ihre Augen waren dieselben, und sie lächelte.

„Siehst du? Ich war nie fort. Du musstest nur wieder durch den Schnee gehen.“

Ich konnte nichts sagen. Nur sehen, wie die Flamme der Kerze höher flackerte. Draußen glomm der Himmel auf, als käme ein ferner Morgen heran.

„Aber was… was wird bleiben?“ fragte ich leise.

„Das, was du erinnerst. Und das, was du teilst. Das Licht will nicht besessen werden, nur weitergegeben.“

Da trat sie zurück, und die Gestalt verging in einer Wolke aus goldenem Staub, die sich sanft auf den Tisch senkte. In der Mitte blieb ein kleiner, schlichter Holzengel zurück – mein Engel, den ich längst verloren hatte.

Ich nahm ihn in die Hand. Er war warm.

Draußen begannen die ersten Flocken wieder zu fallen, leise, dicht, wie Schleier. Ich trat hinaus. Der Wald atmete still, nichts rührte sich mehr, doch von fern her, tief zwischen den Stämmen, klang ein leises Singen – kaum hörbar, wie Wind über schlafende Gruben.

Ich folgte dem Weg hinab, und hinter mir erlosch das Licht. Doch in meinem Innern blieb ein sanftes Leuchten, das stärker wurde, je weiter ich ging.

Als ich aus dem Wald trat, sah ich das Dorf unten im Tal, die Fenster erhellt, Rauchfahnen über den Dächern. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren empfand ich das Leuchten dieser Welt nicht als fremd, sondern als Einladung.

Ich drehte mich noch einmal um. Über den Fichten lag ein Schimmer, so zart und unwirklich, dass es fast ein Traum hätte sein können. Doch tief in mir wusste ich: Das Wunder hatte stattgefunden. Nicht im Wald – sondern in dem Teil meines Herzens, den ich im Wald wiedergefunden hatte.

Und die Stille um mich war nicht mehr leer, sondern ganz erfüllt – von einem Licht, das kein Verzagen mehr löschen konnte.


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